Einleitung
Herr Yues Schicksal beschäftigte die chinesischen Medien im Januar 2022. Ich habe mich entschieden, seinen Tagesablauf zu übersetzen und das, was über sein Leben bekannt ist, hier anschließend zusammenzufassen. Beide zusammen bieten einen wahrheitsgetreuen Einblick in eine Lebenswelt in Beijing (und China), über die hier sonst nicht so viel berichtet wird. Drei Aspekte haben mich besonders überzeugt: Erstens, offensichtlich versuchte Herr Yue sein Leben bestmöglich zu gestaltet. Aber seine Erfahrungen zeigen auch, wie schwer es manchmal sein kann, vor allem wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht und ihn die Behörden im Stich lassen. Zweitens dominiert das Thema des Menschenhandels und -raubs gerade die chinesischen Medien und Herrn Yue scheint es schmerzlich bewusst zu sein, wie weit verbreitet dieses Phänomen ist. Drittens führt Herr Yue in Pandemiezeiten ein von der Pandemie recht unbeeinflusstes Leben.
1. Übersetzung des Tagesablaufes von Herr Yue
1.1. von 23:30 – 2.1. 4:43 morgens arbeitete ich im Heqiaolizhi Hotel (Jiangguolu 92 yuan 12).
2.1. von 23:00 – 3.1. 3:00 morgens arbeitete ich auf der Baustelle des Muouyuan.
3.1. von 21:00 – 4.1. 1:37 morgens arbeitete ich im Wohnbezirk Yuanguang 100 innerhalb des 4. Rings. Danach ging ich zur Müllhalde in Tongzhou Taihu.
4.1. von 14:00-14:30 arbeite ich in einer Villa in Shunyi Longwan.
4.1. 12:00: Ich arbeite in Wohnung 1907 in Gebäude 6 von Zhujiang lüzhou in Chaoyang; um 16:00 kam ich zur Baustelle der Sino-Ocean Group Yifang yihao yuan; um 17:00 kam ich zur Baustelle Yangyunfu in Shunyi.
6.1. von 11:00-12:08 habe ich bei Vanke Cuiyuan yuntu gearbeitet; um 14:21 erreichte ich den Pengfang liaochang (neben dem Xiaolang guoji Club) und arbeitete dort, um 21:06 erreichte ich eine Zementfabrik in Dongxiaojing im Bezirk Chaoyang; 21:30-23:04 arbeitete ich im Haus Nr. 8 in der Keshe Wohnanlage im Bezirk Haidian.
7.1. 14:30 erreichte ich die Yacheng yili Wohnanlage im Bezirk Chaoyang und arbeitete dort.
8.1. 12:36 aß ich in einem Restaurant in der Shuangqiao silu im Bezirk Chaoyang; um 14:00 arbeitete ich in Shuijun chang’an; 15:14 erreichte ich die Hejin weitang Wohnanlage und arbeitete dort; von 17:00-21:30 arbeitet ich in Wohnung 407, Abteilung 3, Haus 1 in der Wohnanlage Nongke in Haidian.
9.1. von 7:30-10:10 arbeitet ich in der Wohnanlage Jinhe weitang.
10.1. von 0:00-1:45 arbeitete ich im dritten Restaurant von Huda in der Guijie; um 2:00 arbeitete ich im zweiten Restaurant von Huda in der Guijie; um 3:00 erreichte ich Haus 1 imYizhongxin in Jianguomen und arbeitete dort; um 4:00 kam ich nach Tongzhou und arbeitete im Industrieviertel von Guantou beim Shengyuan Hotel
11.1. morgens 2:58 arbeitete ich im Puppentheater.
11.1. von 23:00-12 bis morgens 3:00 arbeitete ich im Longhe xiezhilou im Distrikt Chaoyang.
12.1. morgens von 0:00-4:00 arbeitete ich in Wohnung 1702, Stock 17, Abteilung 4, Haus 1 in der Jin’an jiayuan Wohnanlage im Viertel Dongba [Distrikt Chaoyang].
12.1. um 11:14 erreichte ich die Wohnung 1702, Stock 17, Abteilung 4, Haus 1 in der Jin’an jiayuan Wohnanlage im Viertel Dongba und arbeitete dort.
12.1. von 23:18 – 13.1 morgens 3:43 arbeitete ich im Puppentheater.
13.1. von 19:00-20:00 arbeitete ich in den Abteilungen 1-4 der Wohnanlage Jin’an jiayuan in Dongba.
13.1. von 23:58 – 14.1 morgens um 5:05 arbeitete ich im Kaufhaus in Zhongguancun.
14.1. von 11:05-17:40 arbeitete ich in der Wohnanlage Jiashu in Dongba.
14.1. von 22:18 – morgens 3:51 arbeitete ich im Puppentheater.
17.1. um 10:23 ging ich zur Post (bei Taoranting) und verschickte einen Brief, danach fuhr ich mit der U-Bahn zu meiner Bleibe. Um 12:05 ging ich zum Hygienedienstleistungszentrum des zweiten Wohnbezirks in Dongba, um einen Speicheltest machen zu lassen.
18.1. ich nahm die U-Bahn Nummer 6 bei Dalianpo, stieg in die 14 um und kam um 7:12 am Südbahnhof von Beijing an; um 8:21 saß ich im Zug Nummer 1085 nach Weihai, stieg aber um 8:57 wieder aus, weil mir das Gesundheitszentrum mitgeteilt hatte, dass mein Test vermutlich positiv sei. Ich wartete darauf, das zu regeln. Um 12 nahm ich den Bus 120 ins Youan Krankenhaus und ging in Quarantäne.
2. Herr Yue und seine Suche
Das ist der Tagesablauf von Herrn Yue, veröffentlicht im Rahmen der Anti-Covid-Maßnahmen in Beijing. Herr Yue ist 44 Jahre alt. Er war Fischer in Rongcheng, bei Weihai in Shandong, und seine Frau verdient mit dem Trocknen von Meeresfrüchten Geld. Zusammen erreichten sie in guten Jahren ein Gehalt von etwa 60-70.000 RMB (heute 8.500-10.000 €) pro Jahr, wovon sie sechs Personen ernähren mussten. Nach Herr Yue war das „ganz ok“. Allerdings verschwand ihr Sohn vor zwei Jahren beim Weg von seinem Arbeitsplatz, einer Nahrungsmittelfabrik, nach Hause.
Herr Yues Suche nach seinem Sohn
Eines Tages im August 2020 verschwand Herr Yues Sohn. Er rief ihn an, schrieb Nachrichten, aber vergeblich. Dann war sein Handy aus und Herr Yue entschloss sich zu den Behörden zu gehen, um sein Handy orten zu lassen, aber sie lehnten dies ab. Er bat die Behörden mehrfach um Hilfe, alles ohne Erfolg. Herr Yue nahm die Suche also selbst in die Hand und fuhr mit einem kleinen Pick-up los. Er war in Weihai, Shaoxing, Wenzhou, Ningbo, Henan, Hebei und Shandon und suchte, vor allem in Fabriken. Nebenbei arbeitete er, denn er musste sowohl sich als auch seine Familie versorgen.
Ein Jahr später, im Oktober 2021, nachdem er sich bei höheren Stellen beschwert hatte, wurde er benachrichtigt, dass im lokalen Krankenhaus ein Leichnam liege und dass dies sein Sohn sei. Er ging ins Krankenhaus und der Leichnam war geschwollen, sein Gesicht nicht klar zu erkennen und Herr Yue konnte ihn nicht identifizieren. Herr Yue und seine Frau baten dann um einen DNA-Test, aber dafür musste der Leichnam erst wieder nach Weihai. Einige zehn Tage danach sagten die Behörden in Weihai, dass der Gerichtsmediziner auf Dienstreise sei und dass Herr Yue noch ein wenig warten solle. Nach weiteren fünfzehn Tagen wies man ihn ab, er solle keine Probleme machen und Ruhe geben. Herr Yue sagte dazu in einem Interview: „Als dieser Leichnam gerade gefunden worden war, ging ich zur lokalen Polizei und fragte danach. Sie sagten, dies sei nicht mein Sohn. Dann beschwerte ich mich bei höheren Stellen und diese sagten, es sei mein Sohn, um den Fall zu schließen. Als mein Sohn verschwand, war er 18 Jahre alt. Heute ist er 20. Nach der zweiten Klasse [8. Klasse] ging er nicht mehr zur Schule. Er ist sehr schüchtern und nicht besonders clever, aber sehr aufrichtig und authentisch. Ich glaube, er wurde unter falschen Vorsätzen entführt.“
Danach ging Herr Yue nach Beijing, zunächst am 19. November, um dort nach seinem Sohn zu suchen, zu arbeiten und eine Beschwerde bei der Regierung in Beijing einzureichen. Aber seine Mutter brach sich ihren Arm, Herr Yue musste für ein paar Tage zurückkehren und ging dann sofort wieder nach Beijing. Von dort wollte er, nachdem am 15. Januar wieder ein Coronafall auftrat, nach Hause zurückkehren, denn es drohte ein Lockdown.
Herr Yues Leben in Beijing
Herr Yue kam vor etwas mehr als 40 Tagen nach Beijing, um dort seinen Sohn zu suchen. Er habe dort früher als Hilfskoch gearbeitet. Um sich seinen Aufenthalt in Beijing finanzieren zu können, ging er allen möglichen Gelegenheitsarbeiten nach, die er vermittelt über ein Internetportal fand, wie Säcke von 30-50 kg tragen, Müll entfernen oder saubermachen. Er arbeitete meistens nachts, weil Pick-up Lastwagen tagsüber nicht fahren durften. Er wurde stets von den Vermittlern oder Arbeitgebern zum Arbeitsort und wieder zurück gefahren. Er frühstückte ein paar Teigtaschen, aß Nudeln und mietete sich ein kleines Zimmer für 700 RMB im Monat. Er arbeitete im Monat sehr viel, weil seine Frau nicht genug verdiene und weil er noch seine Familie und alten Eltern versorgen müsse.
Als sich die pandemische Lage in Beijing zuspitzte, ließ sich Herr Yue testen. Das Ergebnis war „ungewöhnlich“. Das Gesundheitszentrum rief ihn an, er dürfe die Stadt nicht verlassen, und dann wurden sein Blut, Urin und Speichel erneut getestet. Das Ergebnis war positiv und Herr Yue musste seinen Tagesablauf den Behörden preisgeben. Danach hat sich Herr Yue allerdings nur positiv über seine Behandlung im Testzentrum geäußert und scheint auch keinen Groll gegenüber den Maßnahmen zu hegen.
Die Bekanntmachung des Büros für öffentliche Sicherheit in Weihai
Nachdem Herr Yues Geschichte bekannt geworden war, gab das Büro für öffentliche Sicherheit in Weihai eine Bekanntmachung ab. Es bekräftigte, dass es dem Fall sehr wohl nachgegangen sei, dass es einen DNA-Test gemacht hätte und dass es damit den verrotteten Leichnam dem Sohn von Herrn Yue hätte zuordnen können, aber dass Herr Yue und seine Frau dies nicht akzeptieren wollten.
Welche Version der Geschichte wirklich stimmt, kann nur eine weitere Untersuchung ergeben. Aber die lange und rezente Geschichte des Vertuschens seitens chinesischer Behörden, wie zum Beispiel in Wuhan beim Ausbruch der Pandemie, bei der Flut in Zhengzhou oder auch bei der „angeketteten Frau“ in Xuzhou, lässt kein Vertrauen aufkommen. Wenig Vertrauen haben auch chinesische Internetnutzer*innen.
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