Chinas Coronamaßnahmen werden im Ausland von manchen bewundert und von manchen gefürchtet. Klar ist, China war mit seinen äußerst strengen Maßnahmen sehr erfolgreich darin, die Zahlen der Coronainfizierten niedrig zu halten. Doch kann es nicht so weitergehen. Der Preis für die Weiterführung dieser Zero-Covid-Strategie scheint einfach zu hoch zu sein und immer weiter anzusteigen.
Manche Chinabeobachter*innen sehen schon Zeichen dafür, dass China seine Zero-Covid-Strategie aufweicht. Manche chinesische Wissenschaftler schlagen Öffnungen vor und Gao Fu, der Direktor des Chinesischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten, stellte in Aussicht, dass China sich öffnen könnte, wenn die Zahl der Geimpften 85 % überschreitet. Doch ist bisher nicht in Sicht, wie und wann dies wirklich geschehen könnte, vor allem weil Xi Jinping seine dritte Amtszeit im Oktober diesen Jahres bestätigen lassen will und sich keinen Covid-Skandal erlauben kann.
Chinas Zero-Covid-Falle
Eine Studie aus Hong Kong stellt den chinesischen Impfstoffen eine sehr ungenügende Note für den Schutz vor Omikron aus. Obwohl der Schutz vor schweren Erkrankungen ganz ordentlich sei, er liegt bei ca. 60 % nach zwei Impfungen und einer Boosterdosis, so schützt er nur sehr schlecht vor der Erkrankung, 3-1% bei zwei Impfungen und 36-8% (über den Zeitraum von 6 Monaten abnehmend) bei zwei Impfungen und einer Boosterdosis. In China selbst wird diese Studie verworfen und man behauptet die Effizienz der chinesischen Impfstoffe nach der Boosterdose läge bei 94%, also höher als bei BionNTech/Pfizer. Die Wirksamkeit des Impfstoffes wird scheinbar politisiert, was keine gutes Licht auf die tatsächliche Pandemiebekämpfung wirft.
Wirksamkeit der Impfungen:


In jedem Fall sind die Probleme für Chinas Zero-Covid-Strategie zweifach. Erstens ist für eine Zero-Covid-Politik immer die Erkrankung und nicht die Hospitalisierung entscheidend. Chinesische Impfstoffe schützen nun aber recht schlecht vor Erkrankung und es ist nicht ersichtlich, wie sich China vor diesem Hintergrund aus der Pandemie impfen kann. Damit hängt zweitens zusammen, dass es bisher kein plausibles Szenario gibt, wie ein Leben mit dem Impfstoff aussehen könnte, außer ständig und immer wieder sehr harsche Lockdowns verhängen zu müssen und sich von der Außenwelt stark abzuschotten. Das ist allerdings für eine exportorientierte Wirtschaft mit hohem Bedarf nach Investitionen aus dem Ausland keine besonders gute Ausgangssituation, wiegt besonders schwer auf dem Erwartungsmanagement und ist teilweise eine immense Belastung für die Bevölkerung im Lockdown.
Zero-Covid-Ideologien
Die Zero-Covid-Politik ist ideologisch sehr stark aufgeladen. Vor allem wurde in China das Narrativ verbreitet, man hätte das Virus besiegt, und darauf gründet sich auch dessen neue außenpolitische Aggressivität. Außerdem will Xi Jinping sicherlich vor der Bestätigung seiner dritten Amtszeit keinen Covid-Skandal riskieren. Da China nun auch nicht für seine Fehlerkultur bekannt ist, führt starker ideologischer Druck oft zu sehr heftigen Maßnahmen schon bei einzelnen Coronafällen. Neben den Tatsachen, dass auf diese Weise unnötig Ängste geschürt, Lieferketten unterbrochen und Menschen unwürdig behandelt werden, bindet Chinas ausgiebiges Test-, Desinfektions- und Kontrollregime unglaublich viele Ressourcen, personell und materiell.
Zum Beispiel griffen die Lokalregierungen und auch die Zentralregierung vermehrt zum großen Besteck nachdem einzelne Coronafälle, oft nur einer oder zwei Personen, entdeckt wurden. Schwangere Frauen wurden im Lockdown vom Krankenhaus abgewiesen, die Menschen waren eingesperrt und ihnen gingen die Nahrungsmittel aus, ganze Städte waren im Komplettlockdown und so weiter.
Die Gefahr der Infektion wurde dabei ins Ausland projiziert: Die Flüge zwischen China und den USA sind zeitweise fast ganz zum Erliegen gekommen. Der Import von Drachenfrüchten aus Vietnam wurde eingestellt, da auf einigen von ihnen angeblich Covid-Erreger gefunden wurden. Tiefkühlwaren ereilte ein ähnliches Schicksal. In Beijing und andernorts verdächtigten die Behörden den internationalen Postverkehr, Covid-Erreger ins Land zu bringen und so Kettenreaktionen loszutreten.
Schließlich ist zu vermuten, dass die Covid-Zahlen in China runtergerechnet werden, und zwar schon auf lokaler Ebene, dass selbst die Zentralregierung den Überblick verliert. Zum Beispiel bei Frau Sun in Beijing folgte man lieber der Theorie, dass sie sich durch einen Brief aus Kanada anstatt in Beijing auf ungeklärte Weise angesteckt habe. Außerdem ließ man völlig außer Acht, dass sie ein paar Tage erkrankt unterwegs war, zum Beispiel in der U-Bahn, und dabei sicherlich andere hätte anstecken können. Beispiele dieser Art sind zahlreich und angesichts der schweren Lockdownmaßnahmen, die auf diese einzelnen Fälle folgen, ist es unwahrscheinlich, dass einzelne Institution, Behörden oder Personen wirklich ein Interesse daran haben, die tatsächliche Zahl der Ansteckung zu melden. Dies alles macht eine Ausbruch wie in Wuhan wahrscheinlicher, bei dem lange verschwiegen wurde, dass das Virus zirkulierte.
Wachsende Unruhe
Schließlich sind die Menschen immer unzufriedener mit der Politik der chinesischen Regierung. In Shenzhen, Tianjin und Xi’an ereigneten sich im Januar Ausschreitungen. Außerdem kam es auf Weibo bei Themen um Covid-19 und Lockdowns immer öfter zu einem „Kippen der Kommentare“ 评论翻车 oder zu regierungskritischen Zustimmungswellen, die dem Bild, dass China Covid vorbildlich besiegt habe, widersprechen. Beispielsweise wurde der Post eines Krankenhauses in Henan, das die Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Großbritannien lobte, in kürzester Zeit von über 50 Millionen Internetnutzern gelesen. Kurz darauf wurde der Post gelöscht. Oder ein Post der Xinhua Nachrichtenagentur, der sich über die Corona-Situation in den USA lustig machte, erntete viel Kritik und kurz darauf wurde die Kommentarfunktion geschlossen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die (Un-)Zufriedenheit der chinesischen Bevölkerung entwickelt, wenn sie sieht, dass in anderen Ländern wieder, Inshallah, Normalität einkehrt.
Ausblick
Einfach von jetzt auf gleich zu öffnen, ist in China aber keine Option, weil dies allem Ermessen nach zu einem Covid-Tsunami führen könnte, auf den China weder medizinisch noch politisch vorbereitet ist. Die Gründe dafür sind einfach: Chinas Bevölkerung war dem Virus kaum ausgesetzt, China ist teilweise extrem dicht besiedelt, vor allem in den Städten, und die Bevölkerung ist politisch und psychisch auf eine hohe Zahl von an Covid Erkrankten und Covid-Toten nicht vorbereitet. Auswege aus dieser Lage sind möglich: Zum Beispiel könnte China BioNTech oder andere mRNA Impfstoffe importieren – allein eine Drittimpfung mit BioNTech erhöht die Immunität um ein Vielfaches –, müsste aber dann zugeben, dass ihre Impfstoffe nicht so gut sind, wie zuvor behauptet. Da die KPCh sehr stark auf politische „Siege“ erpicht ist, ist dies eher unwahrscheinlich. Oder Beijing könnte eigene mRNA-Impfstoffe entwickeln lassen, aber das kostet sehr viel Zeit und es ist nicht gesichert, dass dieser die gewünschte Qualität erreicht oder dass China die notwendigen Labore und Kapazitäten hat.
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